Đà Nẵng

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Es wurde Zeit für mich, den Süden Vietnams hinter mich zu lassen und ein gutes Stück auf meinem Weg nach Hanoi zurück zu legen. Ich wollte nach Đà Nẵng, einer Millionenstadt in Zentralvietnam, etwa auf halber Strecke zwischen Ho-Chi-Minh-Stadt und Hanoi. Der schnellste Weg dorthin wäre das Flugzeug gewesen – einen Flug hätte ich bereits für 40 Euro bekommen. Da ich genug Zeit hatte, wollte ich jedoch eine andere Option ausprobieren: den Wiedervereinigungs-Zug, der seit 1995 von Süden nach Norden fährt und auch in Đà Nẵng Halt macht. Die Fahrt dauert 17 (!) Stunden und Reisende haben vier Optionen: harter Sitz, weicher Sitz, hartes Bett, weiches Bett. Die ersten beiden schieden für mich aus – schließlich wollte ich einigermaßen bequem schlafen. Die teuerste Option wollte ich dann aber auch nicht nehmen, sodass ich mich für das harte Bett entschied. Der Preis betrug umgerechnet 20 Euro, die Hälfte des Flugtickets etwa. Ob die gesparten 20 Euro die Strapazen der Reise jedoch wert waren, ist eine andere Frage.

Die Abteile des Zuges sind mit sechs Betten ausgestattet, von denen jeweils drei übereinander liegen. Natürlich hatte ich das oberste Bett, und natürlich war es nicht für Europäer gebaut! In diesem Moment war ich sehr froh, dass ich nur 1,75 Meter groß bin, dennoch war mein Schlafplatz sehr beengt und erinnerte mich stark an meine letzte Untersuchung im Computertomographen, oder alternativ an meinen Abstieg in die Cu Chi Tunnel. Das harte Bett ist übrigens wirklich hart – hier wird nicht zu viel versprochen. Der Zug besitzt Steckdosen, Toiletten und Waschbecken; wer hungrig ist, kann sich Maiskolben und andere Snacks kaufen. Die Fahrt war erträglich: Trotz des starken Schaukelns konnte ich ein paar Stunden schlafen. Die restliche Zeit lenkte ich mich mit Fernsehen ab und freute mich auf ein richtiges Bett, in dem ich mir nicht ständig den Kopf an der Decke anstieß.

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Nichts für Menschen, die an Platzangst leiden – der Wiedervereinigungs-Zug

Nach 17 Stunden konnte ich es kaum erwarten, den Zug zu verlassen, und ich machte mich auf den Weg in mein Hostel, das Hachi Hostel, Đà Nẵng. Das Hostel ist empfehlenswert, die Bedienung kompetent. Nur ein Frühstück ist nicht inklusive, was jedoch in den meisten Hostels in Vietnam zum Standard gehört.

Nach einer kurzen Mittagspause erkundete ich die Stadt. Đà Nẵng erinnert definitiv an Ho-Chi-Minh-City, ist mit seinen etwa 1 Millionen Einwohnern jedoch deutlich kleiner und weniger chaotisch. Die Straßen sind sehr sauber, die Gebäude modern, und man merkt, dass Đà Nẵng als bedeutende Hafenstadt das Prestigeobjekt der Zentralregierung Vietnams ist. Davon zeugt besonders ein beeindruckendes Wahrzeichen: die Drachenbrücke. Die erst 2013 fertig gestellte Brücke ist vor allem Nachts sehenswert. Dann erstrahlt die an einen Drachen erinnernde Konstruktion in bunten Farben und speit an bestimmten Tagen sogar Feuer.

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Auch in Đà Nẵng gibt es einen großen Markt, den Han Market, auf dem man vor allem Kleidung, Obst und Souvenirs findet. Die Händler dort sind angenehmerweise weniger aufdringlich als in Ho-Chi-Minh-Stadt. Wer zu Fuß in der Innenstadt unterwegs ist, kann, wie ich, noch die Kathedrale von Đà Nẵng und die Pho Da Pagode besuchen: Der Eintritt ist kostenlos und man kann ungestört von vielen Touristen den geschmückten Innenraum bewundern.

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Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man auch einmal über die Trần-Thị-Lý-Brücke südlich der Drachenbrücke laufen, deren Stahlträger nachts in ein buntes Farbenspiel getaucht werden. Bei einem Spaziergang an der fast menschenleeren Uferpromenade mit Blick auf die Lichter der Innenstadt ließ ich den Tag ausklingen.

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Tag 2: Marble Mountains, My Khe Beach, Green Lake & Linh Ung Pagode

Am nächsten Tag brach ich früh auf, um eine Hauptattraktion Đà Nẵngs zu besichtigen: die Marble Mountains. Dabei handelt es sich um fünf Berge im Süden von Đà Nẵng, die sich deutlich von der flachen Umgebung abzeichnen und die fünf Elemente Metall, Wasser, Feuer, Erde und Holz symbolisieren. Die Berge bestehen aus Kalkstein und Marmor. Aus letzterem stellten örtliche Steinmetze seit Jahrhunderten kunstvolle Statuen her und tun dies noch – auch wenn der Marmor jetzt größtenteils aus China und Pakistan importiert wird. Alle Berge beheimaten buddhistische Tempel und Schreine, die teilweise in Höhlen errichtet wurden.

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ein Skulpturengarten am Fuß der Marble Mountains

 

 

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Das Haupterzeugnis der Marble Mountains – religiöse Statuen aus Marmor

Besichtigen kann man übrigens nur einen der Berge, Thuy Son. Mit dem Taxi fuhr ich bis zum Fuß des Berges, suchte dann vergeblich den Eingang, stapfte mal wieder in anderer Leute (zugegebenermaßen wunderschönen) Vorgärten herum, bis mir der richtige Weg gewiesen wurde. Der Eintritt kostet 40.000 Dong (1,40 Euro), den Weg zum ersten Tempel kann man zu Fuß oder mit dem Fahrstuhl zurücklegen.

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Oben angekommen hat man verschiedene Optionen: Ich entschied mich dazu, zuerst die Haupthöhle zu besuchen, bevor die ersten Touristen ankamen. Und die Entscheidung war richtig! Die Atmosphäre in der menschenleeren Höhle mit ihrer aus dem Fels gehauenen Buddhastatue, den reich verzierten Schreinen, der leisen Musik und dem Duft der Räucherstäbchen war einmalig und sehr andächtig.

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Schnell war es jedoch vorbei mit der Besinnung. Um 09:00 Uhr kamen die ersten Busladungen mit Touristen an und der Berg füllte sich schnell. Ich besichtigte noch zwei andere Höhlen, die ich jedoch nicht der Rede wert fand, und wagte dann den Aufstieg zum höchsten Aussichtspunkt des Berges. Von dort hat man eine herrliche Aussicht auf die Stadt, das Hinterland und den Strand. Insgesamt kann ich die Marble Mountains nur weiter empfehlen. Zwar sind die Berge nicht besonders hoch, aber der Besuch Thy Sons hat mir gut gefallen: Die wunderschöne Tempelanlage, die beeindruckende Höhle und die vielen Marmorfiguren haben mir zwar nicht für Stunden gefesselt, aber ich hatte doch das zufriedene Gefühl, etwas in dieser Konstellation Einzigartiges gesehen zu haben.

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Eigentlich wollte ich anschließend zu My Khe Beach, dem bekanntesten Strand der Stadt. Auf dem Weg dorthin fiel mir jedoch auf, dass eine sehr breite Straße zu einem näheren Strandabschnitt führte, Sơn Thủy Beach. Dieser Strand hat mich wirklich positiv überrascht. Das Wasser war sauber und klar, der Sand weitgehend frei von Müll und – womit ich nicht mehr gerechnet hatte – der Strand war komplett menschenleer. Zur Zeit meines Besuches existierte auch noch nicht viel Infrastruktur an diesem Abschnitt, auch wenn gerade viele Hotels und Strandresorts gebaut wurden.

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Soll es auch noch geben – ein menschenleerer, sauberer Sandstrand

Weiter nördlich, am My Khe Beach findet man schon mehr Touristen, doch auch dieser Strand überzeugt durch Sauberkeit und weichen, feinen Sandstrand vor der Kulisse der Skyline und der Berge auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht.

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Sieht man in die Ferne, kann man bereits ein weiteres Wahrzeichen Đà Nẵngs sehen: die „Lady Buddha“ Statue in der Linh Ung Pagode, 9 km vom Strand entfernt. Dabei handelt es sich um eine 67 m hohe Darstellung Guanyins, des Boddhisatvas des Mitgefühls. Als mütterliche Figur, bei der alle Wesen Zuflucht und Trost finden, ist Guanyin ein beliebtes Objekt der Anbetung in Ostasien. In ihrer Rolle als Meeresgöttin wird sie vor allem von Fischern und Seeleuten angebetet, darum ist die 2010 fertig gestellte Statue auch dem Meer zugewandt und wacht über die Bucht zu ihren Füßen.

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Weithin zu sehen – die Lady Buddha Statue

Auf dem Weg zur Statue wollte ich ein weiteres Wahrzeichen Đà Nẵngs besuchen: den Green Lake. Dieser war zwar nicht so grün, wie ich erwartet (und in anderen Reiseberichten gelesen) hatte, jedoch trotzdem sehenswert. Bis auf ein paar angelnde Locals waren hier zur Mittagszeit keine Besucher.

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Wer jedoch einen wirklich malerischen See zu Gesicht bekommen will, sollte den Weg zur Lady Buddha Statue zu Fuß zurücklegen und nach etwa 20 Minuten einen kleinen Wanderweg einschlagen. Dort, nahe der Bucht, konnte ich unweit der Hauptstraße fast unberührte Natur erleben. Überhaupt hat mir die Landschaft mit ihren Hügeln, Steilküsten und Nadelbäumen sehr gefallen – ein willkommener Kontrast zu den Palmen und Dschungeln, die ich bisher gesehen hatte.

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Nach einer Schweiß treibenden, einstündigen Wanderung, bei der das lächelnde Antlitz Guanyins mich trotz unerträglich schwüler Hitze zum Weiterlaufen motivierte, war ich bei der Linh Ung Pagode angekommen. Der Tempelkomplex ist relativ neu und wurde erst 2010 fertig gestellt, auch wenn dort seit längerem ein buddhistischer Schrein steht. Hier kann man neben der Lady Buddha Statue auch den Hauptschrein sowie eine angrenzende mehrstöckige Pagode besichtigen.

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Wo der Boddhisatva des Mitgefühls steht…
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…kann auch der lachende Buddha nicht weit sein.

Nach dem Besuch des Tempels hatte ich das Gefühl, alle wichtigen Attraktionen Đà Nẵngs gesehen zu haben, und machte mich erschöpft, aber zufrieden auf den Weg zurück in mein Hostel. Mein finales Urteil?

Mir wurde von verschiedenen Seiten geraten, für das nahe gelegene Hoi An zwei oder drei Tage, für Đà Nẵng jedoch nur einen Tag einzuplanen. Diesem Ratschlag kann ich mich nicht anschließen. Đà Nẵng mag keine Touristenhochburg sein (zumindest noch nicht), bietet aber mit den Marmorbergen und der Linh Ung Pagode genug Aktivitäten für zwei Tage. Und wem nicht der Sinn nach Sightseeing steht, der kann auch einfach am wenig überlaufenen My Khe Strand entspannen oder über den Han Market schlendern. Đà Nẵng ist modern, sehr sauber und bietet moderate Preise. Mein einziges Manko, aber das kann man der Stadt kaum zum Vorwurf machen: Alles wirkt etwas zu groß für die tatsächliche Menge an Menschen. Damit meine ich nicht die Straßen: Diese sind auch hier zur Rush Hour vollgestopft. Ich meine eher die Fülle an Bars und Restaurants, die jedoch (zumindest unter der Woche) kaum besucht sind. Nach 22 Uhr fand ich nur eine Geisterstadt mit leeren Straßen vor, was am Wochenende anders sein mag, mich aber bei so einer Großstadt stark überrascht hat. Wer sich also mit einer Horde gleichgesinnter Backpacker ins Nachtleben stürzen will, ist in Ho-Chi-Minh-Stadt, Saigon, und sogar im unweit entfernten Hoi An besser aufgehoben. Trotzdem war Đà Nẵng für mich ein überraschend-lohnenswerter Stopp auf meiner Reise in den Norden Vietnams.

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