Corona Tagebuch – gestrandet in Laos

Wer kann, haut ab.

26.03.2020

Die Nerven der Hotelbesitzerin haben es wohl nicht mehr ausgehalten – verständlich. Die gebürtige Vietnamesin will zurück in ihr Heimatland. Sie fürchtet sich vor der Krankheit in Laos; vor den hohen Kosten, die auf sie zukommen, sollte sie hier schwer erkranken. Und so macht die Festung zu. Alle Gäste, ich inklusive, bekommen ihr Geld zurück. Zum Glück haben noch ein paar bezahlbare Hotels offen. Meine neue Bleibe wirkt einfach, aber freundlich. Neben wenigen Backpackern übernachtet hier auch eine französische Familie. Ihre Tochter tollt mit dem Kind der Hotelbesitzer herum. Eine schöne Vorstellung, nichts zu wissen von Corona, von Kontaktverbot, von Inkubationszeit. Ein Holländer setzt sich zu mir an den Tisch, für meinen Geschmack ein bisschen zu nah. Er erzählt mir freudig, dass er einen Flug nach Brüssel bekommen hat. Ich bin skeptisch, will seine Illusion jedoch nicht zerstören. Das Gesundheitszeugnis, das er für den Transit über Bangkok braucht, holt er heute bei einem Krankenhaus ab. Nicht einmal 10 Euro muss er dafür bezahlen. Sollte ich mir vorsorglich auch eines holen? Falls es doch eine Möglichkeit gibt, auszureisen? Zeit genug hätte ich ja. Allerdings ist ein Krankenhaus jetzt der letzte Ort, an dem ich sein will. Außerdem traue ich der Erzählung des Holländers nicht. Dass man noch Flüge buchen kann, heißt nicht, dass diese auch gehen. Auch auf Skyscanner gibt es noch Verbindungen von Laos nach Europa. Für über 1.000 Euro über China! Ob es wohl Leute gibt, die verzweifelt genug sind, darauf reinzufallen? Ich kann es den Airlines nicht einmal verübeln. Wenn schon alle Flüge ausfallen, warum dann zumindest nicht noch das Geld ahnungsloser Kunden einstreichen?

Am Nachmittag bin ich mit zwei anderen Deutschen zum Immigration gegangen, um mein Visum zu verlängern. Der Andrang war weniger als ich erwartet hatte, und die Mitarbeiter (noch) recht freundlich. Dankbarerweise erlaubt die laotische Regierung jetzt jedem Urlauber, sein Visum zu verlängern wie nötig. Gestern war seit langem einmal wieder ein Tag, an dem ich mich nicht eingesperrt gefühlt habe. Wir sind durch die Stadt gelaufen, haben Geldautomaten gesucht, waren im Supermarkt und haben uns abends im Hostel getroffen, um etwas zu trinken. Über Corona haben wir, glaube ich, am ganzen Abend überhaupt nicht geredet. Doch heute holt mich die Realität wieder ein. Ein Mitarbeiter der Gesundheitsbehörde bringt Desinfektionsmittel und Masken; Der Besitzer redet lautstark mit einem Gast über den Ernst der Lage. 9 Infizierte bisher und keine Möglichkeit mehr auszureisen. Ich habe meinen Aufenthalt verlängert, auch wenn das Hotel die Preise angezogen hat. Auch bin ich am überlegen, ob ich mir eine laotische SIM-Karte kaufen soll. Falls alle Hotels und Restaurants schließen, gibt es ja auch kein WLAN mehr. Andererseits: Ohne Strom, um mein Handy aufzuladen, bringt mir die SIM-Karte auch nichts. Auch überlege ich, wie viel Geld ich abheben soll. Wie lange werde ich wohl noch hier bleiben? Fragen über Fragen.

 

Wenn Hotels zur Festung werden

 25.03.2020

„Wenn du noch einmal abends durch die Bars ziehst, kannst du dir ein anderes Hotel suchen.“

Deutliche Worte der Besitzerin zu einem Gast, der sich von der Corona-Krise wohl zu wenig beeindruckt zeigt. Vor ein paar Wochen hätte man über solche Worte noch lachen können – vor allem in Südostasien, wo dir niemand sagen kann, was du zu tun oder zu lassen hast. Gestern jedoch hat CORVID 19 Laos offiziell erreicht, mit 2 Fällen, die die Gesamtzahl auf 434,568 bringen.

Meine erste Reaktion auf die Paranoia der Besitzerin ist nicht Verurteilung, sondern Erleichterung. Das Hotel verwandelt sich in eine Festung. Neue Gäste werden nicht aufgenommen; die, die bereits hier wohnen, dürfen bleiben. „Wir sind jetzt eine Familie.“ sagt die Frau, deren Autorität als Festungskommandant unangefochten ist. Und Familie, das hat in Asien eine andere Bedeutung als in Europa: Es bedeutet Geborgenheit, gegenseitige Unterstützung, Abwehr nach außen, aber auch feste Regeln, denen sich jeder unterwerfen muss. Eine Regel lautet nun: nur noch rausgehen, wenn es absolut nötig ist. Wer dazu nicht bereit ist, kann sehen, wo er bleibt. Mir fällt die Zeile von Rilke ein: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“ Wer jetzt kein Hotel hat, wird wohl so schnell keines mehr finden. Und mir scheint es, als würden die Hunde nachts auf den Straßen Vientianes besonders laut heulen. Letzteres ist wahrscheinlich nur meine Einbildung – trotzdem keine schöne Vorstellung, im Moment ohne Bleibe zu sein.

Außer mir übernachten noch ein Deutscher, ein Österreicher, ein Franzose, ein amerikanisches Pärchen und eine Gruppe Afrikaner im Hotel. Ein Grieche ist heute erst angekommen. Er will in das 10 Stunden entfernte Pakse. Ob die Hotels dort noch offen haben, frage ich. Er weiß es nicht. Wenn er dort nichts finde, würde er wiederkommen. Ich sage nichts. Wer kann es dem guten Mann verübeln? Für Jahrzehnte war Südostasien ein grenzenloser Spielplatz für westliche Reisende, und ein Land, das minimale Reiseplanung erfordert. Von einem Ort zum anderen gelangen, eine Unterkunft finden, die Grenze überqueren – all das ist (oder besser war) ganz einfach und dazu noch günstig möglich. Wer weiß und wusste schon von den Konflikten und Problemen, die unter der Oberfläche dieses orientalischen Traums schlummern? Alleine in Thailand sind 15 % der Menschen im Tourismus tätig. Was wird aus diesen, wenn die Besucher auf Monate ausbleiben? Wie werden die Gastarbeiter aus Laos, Myanmar und Malaysia ihre Familien ernähren, wenn die Grenzen geschlossen bleiben? Wie viele Arbeitslose können Länder unterstützen, die kaum Steuereinnahmen haben? Europa mag im Moment mehr Fälle und Tote verzeichnen, aber es bleibt abzusehen, ob Asien nicht aus dieser Krise als der größere Verlierer hervorgehen wird.

Ein kleiner Hoffnungsschimmer taucht am Horizont auf. Heute erhalte ich eine Email von der Deutschen Botschaft. Es wird an einer Lösung gearbeitet, die in Laos gestrandeten deutschen Staatsbürger nach Hause zu fliegen. Bis jetzt scheitern alle Flugbuchungen an den Beschränkungen Thailands, da alle regulären Verbindungen über Bangkok gehen. Glück im Unglück eigentlich im Vergleich zum Nachbarland. Von Thailand aus gibt es noch Flüge nach Europa, darum wird zurzeit auch kein Rückholprogramm für deutsche Urlauber angeboten. So heißt es auf der Website der Deutschen Botschaft. Blanker Hohn, denn selbst wer jetzt bucht, hat keine Sicherheit, dass er den Flug auch wirklich antreten kann – schon gar nicht, seit Thailand den Ausnahmezustand verhängt hat. Hier in Laos ist die Lage zumindest simpel: wenn Thailand niemanden rein oder durchlässt, gibt es auch keinen Heimflug. Fertig.

Es bleibt mir also nichts übrig als abzuwarten, meine Emails zu checken und versuchen, mich irgendwie zu beschäftigen – entweder bis die Grenzen wieder offen sind oder sich jemand erbarmt und uns herausfliegt. Danke fürs Lesen, und bleibt gesund!

Die Ruhe vor dem Sturm?

 24.03.2020

Mit schöner Regelmäßigkeit geht das Leben in Vientiane, der Hauptstadt von Laos, seinen Lauf. Motorroller wälzen sich durch die Straßen, Hochglanz-Malls stellen ihre Luxusgüter zur Schau und Mönche fegen gelassen den Vorhof ihres Tempels. Wenn nicht die vielen Menschen mit Gesichtsmasken wären, könnte man glatt meinen, in dem kleinen Land würde die Welt nicht untergehen. Auch die Zahl der Touristen ist ungebrochen. Allerdings sind die meisten nicht mehr freiwillig hier. Die meisten sind Gestrandete, die weder in ihr Heimatland noch in einen benachbarten Staat fliehen können. Thailand hat alle Grenzen dicht gemacht, Vietnam, Kambodscha und Myanmar auch. China ist ohnehin seit Monaten abgeriegelt. Also harren die Leute hier aus und checken ängstlich die Flugseiten. Vergebens. Spätestens am Flughafen zeigt sich, dass alle Verbindungen gestrichen sind. Doch die Panik bleibt bis jetzt aus. Hotels, Restaurants, Geschäfte, ja sogar Märkte haben weiterhin geöffnet. Ein Infektionsherd, der bisher noch nicht ausgebrochen ist. Während Bangkok sich in eine Geisterstadt verwandelt, die gut in Filme wie „28 Days Later“ passen würde, gibt es in Laos bis jetzt keine offiziellen Corona-Fälle. Die Betonung liegt auf „offiziell“.

Gestern bin ich von Luang Namtha im Norden von Laos angekommen, wo die Stimmung weit angespannter ist. In kleinen Dörfern nehmen die Menschen Reißaus vor Touristen. Teilweise haben mir Bedienungen mit Plastikhandschuhen das Wechselgeld gegeben. Ausländer bringen die Krankheit, so heißt es. Und ganz Unrecht haben die Menschen im bitterarmen Laos nicht. Wer wird sich um sie kümmern, wenn Corona ein ganzes Dorf befällt? Wie viele Beatmungsgeräte gibt es in Luang Namtha? Demgegenüber ist die Lage in Vientiane entspannt. Zu entspannt. Gestern bin ich spät angekommen und habe in einem Hostel übernachtet, das zu meinem Erstaunen noch recht gut belegt war. Nachdem ich einen anderen Bewohner habe husten hören, bin ich ausgezogen. Hostels bringen die Krankheit.

Dann schon lieber ein Einzelzimmer. Das versuche ich, so gut es geht, in eine uneinnehmbare Festung für Viren zu verwandeln. Für den richtigen Umgang mit Masken bin ich zu undiszipliniert, aber meine Hände wasche ich mittlerweile so oft, dass gefühlt schon die Haut abgeht. Hände waschen, nicht das Gesicht berühren, Abstand halten – all das mag funktionieren, wenn man zuhause in Isolation sitzt. Aber was, wenn das zuhause tausende Kilometer entfernt ist? Ich merke, wie die Krise mich paranoid macht. Das Zimmer abschließen reicht nicht mehr aus. Reisepass und das gesamte Bargeld trage ich stets mit mir herum, auch wenn ich nur nach draußen zum Rauchen gehe. Sparen ist angesagt: 4 Euro für Essen am Tag; meine Unterkunft bezahle ich mit Paypal. So könnte mein Bargeld monatelang reichen. Und vielleicht muss es das auch. Wenn die Grenzen nicht geöffnet und der Flugverkehr nicht wieder aufgenommen wird, sitzen Tausende von Touristen hier fest. Nicht so viele wie in Thailand, natürlich. Vielleicht ist unsere Lage darum keinem Journalisten eine Zeile wert.

Gleichzeitig stelle ich mir die Frage, wovor ich eigentlich Angst habe. Davor, das Virus zu bekommen? Hier langsam an Lungenentzündung zu krepieren, weil kein Krankenhaus-Bett mehr frei ist? Bedrohlich, aber zum Glück statistisch unwahrscheinlich. Oder Angst, andere Leute anzustecken? Den freundlichen Nudelsuppen-Verkäufer von nebenan? Die Kassiererin im Supermarkt? Die alte Frau, die nach mir die Speisekarte des Restaurants in die Hand nimmt? Auf jeden Fall. Und Angst davor, dass die Bundesregierung so sehr mit der Situation im Inland beschäftigt ist, dass Sie uns paar Touristen in Laos einfach vergisst; eingesperrt zu sein auf Monate, ungewollt, isoliert, misstrauisch… Und auch Angst davor, dass die Welt nach Corona nicht mehr die selbe sein wird. Dass ich meinen Traum vom Reisen und Schreiben nicht mehr leben kann, weil die Zeit des Fremdenverkehrs und der offenen Grenzen vorbeigeht. All diese Ängste lassen mich im Ungewissen.

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